HETTSTEDT | Im Schatten der großen Industriegeschichte Mitteldeutschlands feiert ein besonderes Jubiläum seine Geburtsstunde: Der Trabant P 70, der direkte Vorfahre des millionenfach produzierten Trabant 601, wird 70 Jahre alt. Ein Blick zurück auf ein Fahrzeug, das aus der Not geboren wurde und heute als seltener Meilenstein der Automobilgeschichte gilt.
Im Jahr 1955 liefen in den Zwickauer Automobilwerken die ersten Exemplare des P 70 vom Band. In einer Zeit, in der Stahl auf dem Weltmarkt Mangelware war und die junge DDR-Industrie nach Alternativen suchen musste, bewiesen die Ingenieure bemerkenswerten Erfindergeist. Das Ergebnis war das weltweit erste in Großserie gefertigte Auto mit einer Karosserie aus Kunststoff.
Technische Pionierarbeit unter Zeitdruck
Der P 70, oft als „Zwischenlösung“ bezeichnet, war weit mehr als das. Er diente als wichtiges Versuchsfeld für den späteren „Duroplast“-Verbundstoff. Unter der markanten Außenhaut verbarg sich jedoch noch eine Bauweise, die an den traditionellen Stellmacher-Betrieb erinnerte: Ein stabiles Holzgerippe bildete das Skelett des Wagens, auf dem die Kunststoffbeplankung befestigt wurde.
Angetrieben wurde der P 70 von einem wassergekühlten Zweitaktmotor mit etwa 22 PS, der seine Wurzeln in der Vorkriegstechnik des DKW F 8 hatte. Trotz dieser damals bereits betagten Technik war der P 70 mit seiner Pontonform und den verschiedenen Karosserievarianten – Limousine, Kombi und das heute extrem seltene Coupé – ein moderner Anblick auf den Straßen.
Vom Alltagswagen zum begehrten Klassiker
Die Produktionszeit des P 70 war vergleichsweise kurz. Bereits 1959 wurde er vom P 50 abgelöst, dem Modell, das die bekannte Trabant-Form endgültig definierte. Insgesamt verließen nur rund 36.000 Einheiten das Werk. Diese geringe Stückzahl im Vergleich zum späteren Trabant 601 macht den P 70 heute zu einer Rarität.
In der Region Mansfeld-Südharz, die durch ihre eigene Industriegeschichte eng mit der Mobilität in Ostdeutschland verbunden ist, genießen diese Fahrzeuge bis heute eine besondere Wertschätzung. Der P 70 steht dabei sinnbildlich für den Beginn einer Ära, die erst im April 1991 mit dem Ende der Trabant-Produktion in Zwickau ihr Finale fand.
Ein Erbe, das bleibt
70 Jahre nach seinem Erscheinen ist der P 70 mehr als nur ein technisches Exponat. Er ist ein Zeugnis für Improvisationstalent und den Mut, neue Wege im Automobilbau zu gehen. Während der spätere „Trabi“ zum Symbol der Wiedervereinigung wurde, bleibt der P 70 der stille Wegbereiter, ohne den die Geschichte der ostdeutschen Mobilität so nicht stattgefunden hätte.



