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Sound aus dem Schatten: Wusstet ihr, dass es in Hettstedt auch Musik-Produzenten gibt?

HETTSTEDT – Wer an Musik aus unserer Region denkt, dem fallen sofort die lokalen Bands ein, die unsere Stadtfeste rocken, oder die DJs, die im ganzen Landkreis Mansfeld-Südharz und darüber hinaus für Stimmung sorgen. Doch es gibt eine Ebene der Musikerschaffung, die sich komplett unter dem Radar bewegt. In unscheinbaren Zimmern, hinter zugezogenen Vorhängen, entstehen Klänge, die weit über die Stadtgrenzen hinausreichen.

Wir haben einen dieser „unsichtbaren Architekten“ besucht. Der Weg führte uns nicht in ein gläsernes Bürogebäude, sondern in ein privates Studio, das von außen niemand vermuten würde. Die Bedingungen für unser Treffen waren unmissverständlich: Keine Fotos, keine Videos, kein Tonband. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch über Beats, Balladen und das bewusste Leben im Abseits.

Das Interview

Hettstedt Live: Wir sitzen hier in einem Raum, den man von außen niemals als Studio vermuten würde. Keine Schilder, kein Protz am Eingang. Warum hältst du deine Arbeit so extrem unter Verschluss?

Produzent: Musik entsteht für mich am besten in der Stille und ohne Ablenkung. Das „verborgene Kämmerchen“, wie ihr es nennt, ist mein Rückzugsort. Ich brauche den Rummel nicht. Wenn die Leute den Song feiern, reicht mir das vollkommen, sie müssen nicht wissen, wie mein Gesicht aussieht oder wo genau der Beat herkommt.

Hettstedt Live: Hettstedt hat seine Bands, der Landkreis seine DJs. Du produzierst aber alles von gefühlvollen Balladen bis hin zu hartem Hardstyle. Wie passt das zusammen?

Produzent: Ich liebe die Abwechslung. Eine Ballade braucht Gefühl und Raum zum Atmen, Hardstyle hingegen braucht mathematische Präzision und pure Energie. Für mich ist das kein Widerspruch, sondern Handwerk. Ich produziere auch nicht gezielt für die lokale DJ-Szene, sondern verfolge meine ganz eigenen Projekte.

Hettstedt Live: Du arbeitest hier in Hettstedt. Brauchst du die Großstadt nicht für die Inspiration? Oder ist das Studio ein völlig abgeschlossener Kosmos?

Produzent: Hettstedt ist meine Basis, mein absoluter Ruhepol. Ich brauche keine Metropole, um kreativ zu sein. Die Erdung, die ich hier finde, und die Ruhe des Landkreises ermöglichen es mir erst, mich voll und ganz auf komplexe Klangwelten zu konzentrieren. Die Stadt gibt mir genau den Raum und die Beständigkeit, die ich brauche, um im Studio abzutauchen.

Hettstedt Live: Ein großes Thema momentan ist die Künstliche Intelligenz. Viele sagen: „Mit KI kann ja mittlerweile jeder Musik machen.“ Was sagst du als Produzent dazu?

Produzent: Das ist ein Trugschluss. KI ist ein durchaus interessantes Hilfsmittel. Ich setze sie auch hier und da ein, etwa um Grundideen zu testen. Wenn man weiß, wie die Technik dahinter funktioniert, kann man damit spannende Sachen machen. Aber die Seele eines Songs, die Entscheidung, wann ein Break genau so klingen muss, damit es Gänsehaut erzeugt das bleibt zum Glück menschlich.

Hettstedt Live: Du hast uns heute die Tür geöffnet, aber unter strengen Auflagen. Warum diese fast schon geheimdienstliche Vorsicht?

Produzent: Weil Anonymität Freiheit bedeutet. Wenn ich durch Hettstedt gehe, möchte ich einfach nur ein Bürger dieser Stadt sein. Ich möchte nicht beim Bäcker über Verträge oder Snare-Sounds reden müssen. Mein Gesicht bleibt privat, mein Sound bleibt öffentlich. „Dass es uns gibt, muss auch niemand wissen“ das ist mein voller Ernst.

Hettstedt Live: Wenn man so im Verborgenen arbeitet, wie kommen da überhaupt Projekte zustande?

Produzent: Qualität spricht sich herum. In dieser Branche zählen Ergebnisse mehr als ein schillerndes Instagram-Profil. Man schickt sich Files hin und her, man gibt Empfehlungen. So landet ein Sound aus Hettstedt plötzlich auf den Monitoren von Leuten, mit denen man früher nie gerechnet hätte. Einige Fragen direkt an, für eine komplette Produktion, oder auch Co-Produktion. Andere Sachen basieren auf Ideen. Kennt ihr bestimmt selbst, ihr hört einen Song und denkt euch, den als Ballade, Techno oder Hardstyle Version wäre schon cool und dann legt man eben los.

Hettstedt Live: Also kann man dich auch beauftragen?! Ok. Ist auch deine Stimme in deinen Songs zu hören?

Produzent: Meistens in den Produktionsdemos, also wo man Sänger XY eine Ideen geben möchte.

Hettstedt Live: Meistens? Deine Stimme klingt aber jetzt nicht verkehrt, warum nicht auch direkt auf eigenen Songs?

Produzent: (lächelt berührt) In komplett eigenen Produktionen hört man mich vielleicht. Wer weiß?! (Zwinkerd) Aber dann ist meine Stimme bearbeitet.

Hettstedt Live: Doch vielleicht eine Gesangskarriere? Schreibst du die Texte selbst?

Produzent: Gesangskarriere? Eher nicht. Das überlasse ich sehr gern anderen. Ja den ein oder anderen Text schreibe ich selbst, aber es gibt auch Produktionen, wo der Text von anderen Songwritern kommen.

Hettstedt Live: Mega zu spannend. Was steht aktuell auf deinem Bildschirm? Kannst du uns einen kleinen Ausblick geben, was wir 2026 erwarten dürfen?

Produzent: Es ist viel in Bewegung. Ich stecke momentan in Verhandlungen für verschiedene Remix-Projekte. Da sind durchaus interessante Namen im Gespräch, wie etwa Tochter, Ela Paul (Wonderwall) oder eventuell sogar Christina Stürmer. Ob am Ende alles genau so zustande kommt, wird sich zeigen. Verhandlungen sind immer ein Prozess. Aber das Ziel für 2026 steht fest.

Hettstedt Live: Das waren jetzt drei Sängerinnen aus der Pop-Szene, kommt auch was härteres?

Produzent: Bei Tochter und Ela geht es tatsächlich um Hardstyle Remix-Produktionen. Also schon etwas härter. Für mein eigenes Projekt geht es dann jedoch noch härter zu. Defqon.1 und Co sagen euch bestimmt was. Aber mehr verrate ich jetzt nicht. (Zwinkerd grinsend)

Hettstedt Live: Angenommen, einer dieser Remixe, oder Songs wird ein echter Radio-Hit. Wirst du dann wenigstens eine Goldene Schallplatte hier im Flur aufhängen?

Produzent: (lacht) Vielleicht. Aber wenn, dann so, dass man sie von der Straße aus nicht sieht. Für mich zählt nicht die Trophäe an der Wand, sondern das Gefühl, wenn ich weiß: Dieser Sound wurde genau hier, in diesem Zimmer in Hettstedt, geboren.

Hettstedt Live: Jetzt mal Real Talk. Kann man irgendwo Produktionen von dir hören?

Produzent: (schmunzelt) Ja.

Hettstedt Live: Das war kurz und knapp. Verrätst du uns vielleicht mehr? YouTube, Spotify, TikTok, irgendwas?

Produzent: (überlegt kurz lächelnd) Ich hab euch ja schon gesagt, dass Anonymität Freiheit bedeutet. Natürlich habe ich für eigene Sachen selbst einen Spotify Kanal. Auch Produktionen die es nicht ins Release geschafft haben findet man teilweise auf YouTube. Tiktok (grinst), ohne TikTok funktioniert bei uns fast nichts mehr. Produktionen antesten, neue Stimmen suchen und finden, oder auch interessante Nachwuchskünstler, die noch keiner auf dem Schirm hat. Ja es gibt auch einen TikTok Kanal (muss fast laut lachen).

Hettstedt Live: Verrätst du uns deinen Kanal-Namen? (Bei Gott haben wir ihn peinlich gespannt angeschaut.)

Produzent: Wenn wir hier fertig sind. Mundpropaganda ist die beste Werbung. Aber nicht in eurem Artikel verraten!

Hettstedt Live: Okay?! (Wir waren schon arg verzweifelt.)

Produzent: Ich baue euren Lesern ein Real mit ein paar Hörproben, aber der Rest bleibt unser Geheimnis. (Legt den Zeigefinger auf seinen Mund.)

Hettstedt Live: Ok, hier kommen wir wohl nicht weiter. (Wir müssen alle lachen.) Wie ist das? Kommen die Künstler dann nach Hettstedt, oder wie läuft das? Und was war deine bisher aufwendigste Produktion?

Produzent: In unserer digitalen Welt ist es nicht mehr zwingend notwendig im selben Studio zu sein, wie der Produzent. Viele singen die Texte in ihren Studios ein, dank virtueller Studios heute alles kein Problem mehr. Manche nehmen aber auch den Weg auf sich. (zwingert)

Meine aufwendigste Produktion? Technisch sind eigentlich alle aufwendig, wenn man aber den Aufwand von der Idee bis zum fertigen Song nimmt, dann eine meiner letzten Produktionen. Da kann ich euch auch etwas mehr erzählen, da die Nummer bereits zum Release vorliegt.

Hettstedt Live: (wir haben große Ohren und Augen bekommen) Schieß los!

Produzent: Ich hatte einen Rohtext rumliegen mit dem Namen “Romeo & Julia” als Duett und hatte noch keine wirkliche Idee. Eines Nachts beim scrollen durch TikTok, wer kennt es nicht (lacht), habe ich zwei interessante Nachwuchsstimmen durch Zufall gefunden. Hobbysänger mit den klassischen Coversongs. Das Problem war aber beide kamen nicht aus Deutschland, sangen auch nicht auf deutsch, aber ihre Stimmen hatten Gänsehautpotential. Daniela und Viktor, beide leben in der Ukraine.

Da hatte ich nun 2 Stimmen, aber einen Text auf deutsch und gefühlt 1000 Ideen.

Hettstedt Live: Aber du hast einen Weg gefunden!

Produzent: Es war schwierig, aber lösbar. Zuerst wurde der Text übersetzt und angepasst, während ich mehrere Ideen als Roh-Demos produziert habe. Dann hab ich auf gut Glück beide angeschrieben, ob sie vielleicht Lust hätten auf ein solches Abenteuer. Zu meiner Verwunderung bekam ich innerhalb weniger Stunden von beiden eine positive Rückmeldung, dass sie es gern versuchen würden. Auf das Genre konnten wir uns eigentlich sehr schnell einigen, ein Lovesong aber in Hardstyle.

Hettstedt Live: Aber wie bringt man das alles zusammen? In der Ukraine ist ja Krieg und mal eben nach Deutschland reisen?

Produzent: Richtig. Beide leben in der Westukraine und Reisen war nicht möglich. Da konnte nach vielen Mails und Telefonaten ein Produzentenkollege helfen, der Kontakte zu einem kleinen Studio in Lwiw hatte. Danke nochmal an der Stelle. Dort haben beide ihre Parts eingesungen und das Studio hat mir die Vocal-Files dann geschickt. Tja der Rest war dann einfach nur Magie. (lacht) Wollt ihr mal reinhören?

Hettstedt Live: Wenn wir dürfen?!

Ein paar Klicks und unsere Ohren nehmen eine engelsgleiche ruhige Frauenstimme war, abgelöst von einer unverwechselbaren männlichen Stimme. Wir verstehen zwar kein Wort, aber der Gänsehautfaktor ergreift uns. Im Hintergrund beginnt sich ein Drop aufzubauen und plötzlich “schreien” uns Daniela & Viktor ihre Strophen mit einer harten Bassdrum und den typischen Hardstyle-Kicks entgegen. Ein auf und ab der Gefühle. Wirklich wie Magie.

Produzent: Kommt im Februar auf allen Streaming Plattformen. 

Hettstedt Live: Wow, einfach nur wow. Zum Schluss hast du noch einen Tipp für alle, die sich vielleicht für das Thema interessieren, oder wie du im verborgenen sich probieren?

Produzent: Dran bleiben und Durchhaltevermögen haben. Dann klappt alles was ihr wollt.

Das Phantom bleibt unerkannt

Nach unserem Gespräch, dürfen wir noch in ein paar aktuelle Produktionen reinhören, quasi eine kleine exklusive Party in seinem Studio, dann löscht er die Monitore. Die kleinen Lichter am Mischpult erlöschen, und das Studio versinkt wieder in der Dunkelheit, die er für seine Arbeit so sehr schätzt. Wer er ist, bleibt sein Geheimnis, doch was er tut, kann man hören. Verraten dürfen wir es dennoch nicht. Sorry!

Es ist faszinierend zu wissen, dass zwischen unseren Altbauten und Wohnhäusern Weltklasse-Sounds entstehen können, ohne dass jemand davon Notiz nimmt. Wir dürfen gespannt sein, welche der großen Namen 2026 tatsächlich mit dem „Sound aus Hettstedt“ um die Ecke kommen.

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