Ob in den sozialen Netzwerken oder beim Bäcker in der Hettstedter Innenstadt: Die Klagen über die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) sind laut. Sie seien „verweichlicht“, „arbeitsscheu“ und „unselbstständig“. Doch wer einen Blick in die Geschichte wirft, merkt schnell: Dieser Konflikt ist so alt wie die Menschheit selbst.
Ein Blick in die Geschichte: Sokrates lässt grüßen
Bereits der griechische Philosoph Sokrates wetterte vor fast 2.500 Jahren über die junge Generation:
„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Es scheint ein psychologisches Gesetz zu sein: Jede Generation neigt dazu, die eigene Jugend zu verklären („Wir mussten früher noch bei drei Meter Neuschnee barfuß zur Schule laufen!“) und die Veränderungen der Welt als Verfall der Sitten zu interpretieren.
Der „Schneeflocken“-Vorwurf: Schulschließungen bei Unwetter
Ein aktuelles Reizthema, das oft als Beweis für die „Verweichlichung“ angeführt wird, sind Schulausfälle oder der Wechsel in den Distanzunterricht bei Sturmwarnungen oder starkem Schneefall. Kritiker spotten oft, dass man früher „trotz Sturm“ zur Schule gegangen sei.
Doch dieser Vergleich hinkt aus mehreren Gründen:
Sicherheit und Haftung: In einer digitalisierten und rechtlich strengeren Welt tragen Schulleitungen und Behörden heute eine weitaus größere Verantwortung für die Sicherheit der Kinder. Wenn heute ein Baum auf einen Schulbus stürzt, stellt sich sofort die Haftungsfrage, ein Risiko, das früher oft unbedacht in Kauf genommen wurde.
Effizienz durch Technik: Dank Home-Schooling-Plattformen bedeutet ein Unwettertag heute nicht mehr zwangsläufig „schulfrei“. Die Generation Z lernt heute oft digital weiter, während früher bei Extremwetter schlicht der Unterricht ausfiel.
Veränderte Infrastruktur: In ländlichen Regionen wie dem Mansfelder Land sind viele Schüler auf den Busverkehr angewiesen. Wenn dieser aus Sicherheitsgründen eingestellt wird, ist der Schulweg faktisch abgeschnitten.
Was oft als „Unselbstständigkeit“ ausgelegt wird, ist also meist eine rationale Reaktion auf moderne Sicherheitsstandards und technische Möglichkeiten.
Was ist dran an den Vorwürfen?
Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass die Gen Z keineswegs faul ist. Die Erwerbsbeteiligung ist stabil. Was sich jedoch geändert hat, sind die Prioritäten. In Zeiten des Fachkräftemangels fordert die junge Generation eine bessere Work-Life-Balance und psychische Gesundheit ein.
Frühere Generationen mussten oft „schlucken“, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Die Jugend von heute nutzt ihre Marktmacht, um bessere Bedingungen auszuhandeln; ein Verhalten, das von den Älteren oft fälschlicherweise als mangelnde Disziplin missverstanden wird.
Fazit: Wandel statt Verfall
Die Generation Z ist nicht „schlimmer“ als ihre Vorgänger; sie wächst lediglich in einer komplexeren, digitaleren und krisengeplagten Welt auf. Die vermeintliche „Verweichlichung“ bei Unwetter oder im Job ist oft nichts anderes als ein moderner Umgang mit Risiken und Ressourcen.
Statt übereinander zu schimpfen, sollten wir in Hettstedt das Gespräch suchen. Denn die Erfahrung der „Boomer“ und der digitale Weitblick der „Gen Z“ sind zwei Seiten derselben Medaille, die unsere Stadt gemeinsam voranbringen können.



