Wer aktuell durch die Gänge der Supermärkte in Hettstedt und Umgebung schlendert, reibt sich verwundert die Augen. Wo früher stolz und groß „VEGAN“ auf den Packungen prangte, herrscht heute oft vornehme Zurückhaltung. Doch keine Sorge: Die Produkte sind nicht verschwunden. Sie haben sich nur ein neues Tarnkleid zugelegt. Wir haben recherchiert, warum Hersteller heute lieber auf „Pflanzlich“ setzen und was das für Ihren nächsten Einkauf bedeutet.
Von der Hettstedt Live Redaktion
Es ist eine stille Revolution im Kühlregal. Während die Auswahl an Fleischalternativen und Haferdrinks gefühlt täglich wächst, ziehen sich die auffälligen gelben Siegel und die großen „Vegan“-Schriftzüge dezent zurück. Was auf den ersten Blick wie ein Rückschritt wirkt, ist in Wahrheit eine der ausgeklügeltsten Marketing-Strategien der letzten Jahre.
1. Das „Vegan-Stigma“: Wenn ein Label abschreckt
Psychologische Studien zeigen ein überraschendes Bild: Das Wort „vegan“ wirkt auf viele Menschen wie eine unsichtbare Barriere. Für den passionierten Fleischesser oder den „normalen“ Genießer schwingt bei „vegan“ oft ein Unterton von Verzicht, Ideologie oder gar „Straf-Essen“ mit.
Hersteller haben erkannt: Sobald „vegan“ draufsteht, wird das Produkt in der Wahrnehmung vieler Kunden zu einer „Spezialnahrung für eine Minderheit“. Ohne das Label wird es einfach zu einem „leckeren Lebensmittel für alle“.
2. Der Aufstieg des Flexitariers
Die eigentliche Zielgruppe der Konzerne sind heute nicht mehr nur die rund 2% der Deutschen, die strikt vegan leben. Es geht um die Flexitarier; also die Menschen, die öfter mal das Schnitzel weglassen, sich aber nicht als „Veganer“ bezeichnen würden.
„Pflanzlich“ oder „Plant-based“ klingt in den Ohren dieser Käufer nach Wellness, Gesundheit und Natürlichkeit. Es ist eine Einladung zum Ausprobieren, während „vegan“ oft wie ein exklusiver Club-Beitritt wirkt.
3. „Craveability“ – Der Hunger gewinnt gegen die Moral
Das moderne Marketing hat sich radikal gewandelt. Früher warb man damit, was nicht drin ist (kein Fleisch, kein Ei). Heute setzen Marken wie Oatly oder Rügenwalder auf das Prinzip „Craveability“ (Gier-Faktor).
Statt „Veganer Burger“ liest man jetzt: „Saftiges Grill-Patty mit rauchiger Note“. Die Bilder auf den Verpackungen, in der Branche als „Food Porn“ bekannt, zeigen schmelzenden Käse (auf Pflanzenbasis) und perfekt gebräuntes „Fleisch“. Das Ziel ist klar: Der Kunde soll das Produkt kaufen, weil er Hunger darauf hat, nicht weil er die Welt retten will. Die Weltrettung gibt es quasi als Gratis-Beilage im Kleingedruckten auf der Rückseite.
4. Die Kosten-Falle: Das gelbe V-Label
Hinter den Kulissen spielt auch Geld eine Rolle. Das bekannte gelbe V-Label ist eine geschützte Marke. Wer es auf seine Verpackung drucken will, muss:
• Lizenzgebühren zahlen (oft gekoppelt an den Umsatz).
• Strenge Kontrollen der gesamten Lieferkette über sich ergehen lassen.
Viele Hersteller sparen sich diesen bürokratischen Aufwand und setzen lieber auf eigene Symbole oder dezente Hinweise wie „rein pflanzlich“.
Was heißt das für uns in Hettstedt?
Wenn Sie beim nächsten Einkauf im Center oder beim Discounter vor dem Regal stehen, achten Sie mal auf die Details. Oft verrät nur noch eine kleine grüne Pflanze oder der Hinweis „100% Protein aus Erbsen“, dass kein Tier für das Produkt sterben musste.
Unser Fazit: Die Hersteller haben verstanden, dass man den Massenmarkt nicht mit Moralpredigten, sondern mit Geschmack und gutem Design erobert. „Vegan“ ist erwachsen geworden – und muss es deshalb nicht mehr jedem auf die Nase binden.



