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Zukunftsnoten für MSH: Zwischen Berliner Schreibtisch-Statistik und der wirtschaftlichen Realität vor Ort

SANGERHAUSEN | HETTSTEDT – Regelmäßig veröffentlichen Forschungsinstitute neue Rankings zur Zukunftsfähigkeit der deutschen Landkreise. Dass Mansfeld-Südharz dabei oft auf den hinteren Plätzen landet, sorgt im Kreishaus für verständlichen Unmut. Landrat André Schröder wies die jüngsten Ergebnisse der Wüstenrot-Studie als „Schwarzmalerei“ scharf zurück. Doch wie valide sind solche Erhebungen wirklich und wo steht unser Landkreis im nüchternen Zahlenvergleich tatsächlich? Ein genauer Blick hinter die Kulissen der Statistiken.

Auslöser der aktuellen Diskussion ist die im Oktober 2026 veröffentlichte Studie „Die demografische Lage der Nation“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag der Wüstenrot Stiftung. Anhand von 26 Indikatoren in den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und Soziales verteilten die Forscher Schulnoten auf einer Skala von 1 bis 6 für alle 400 kreisfreien Städte und Landkreise. Sachsen-Anhalt und insbesondere Mansfeld-Südharz schneiden darin traditionell schlecht ab (Notenbereich um 4,7).

Im Sangerhäuser Kreishaus platzte Landrat André Schröder angesichts der erneuten Berliner Notenvergabe der Kragen:

„Schwarzmalerei von Leuten, die uns nicht kennen, nervt einfach nur noch! Trotz bleibender demografischer Herausforderungen dürfen wir uns die erreichte Dynamik nicht wegreden lassen. Sowohl die Arbeitslosenzahl als auch das Armutsrisiko sinken!“

Zudem teilte Schröder auch in Richtung der Bundeshauptstadt deutlich aus: „Wir brauchen keine Schulnoten aus Berlin! Die Hauptstadt selbst steht in puncto Verschuldung, Wohnungsnot, Kriminalität und Arbeitslosigkeit schlechter da als wir.“

Warum zwei Studien zu völlig unterschiedlichen Noten kommen

Dass ein Kreis in einer Erhebung als Schlusslicht dasteht und in einer anderen passable Noten erhält, ist kein statistischer Zufall, sondern liegt an der Methodik:

1. Die Momentaufnahme (Wüstenrot / Berlin-Institut):

Diese Studie arbeitet vorrangig mit statischen Kennziffern und langfristigen Projektionen bis ins Jahr 2045. Sie bewertet den Status quo: Wie hoch ist das Durchschnittsalter? Wie stark altert die Bevölkerung nach den aktuellen Sterbeziffern? Liegt eine ländliche Region weit weg von den Ballungsräumen, schlägt das Rechenmodell unweigerlich nach unten aus und zwar völlig unabhängig davon, was sich in den letzten zwei oder drei Jahren vor Ort an Investitionen getan hat.

2. Die Dynamik-Betrachtung (Zukunftsatlas / Prognos & Bertelsmann-Daten):

Seriöse Standortanalysen wie der bundesweit beachtete Zukunftsatlas trennen ganz bewusst zwischen „Ist-Stärke“ (dem Wohlstandsniveau von Jahrzehnten) und „Dynamik“ (der prozentualen Entwicklung der letzten Jahre).

  • Das Ergebnis: Bei der absoluten Wirtschaftskraft hinkt der ländliche Osten dem reichen bayerischen Umland naturgemäß hinterher. Bei der Dynamik, also dem Aufholtempo bei Einkommen, Arbeitsplatzwachstum und Gründungen, klettern Landkreise wie Mansfeld-Südharz hingegen regelmäßig Dutzende Plätze nach oben und lassen viele westdeutsche Regionen hinter sich.

Die nackten Zahlen: Was amtlich belegt ist und was nicht

Um die Pressemitteilung des Landkreises auf ihren tatsächlichen Gehalt abzuklopfen, lohnt der Blick in die Veröffentlichungen des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt:

  • Einkommenszuwachs (Statistisches Landesamt, Oktober 2026):
    Tatsächlich legte das verfügbare Einkommen je Einwohner in Mansfeld-Südharz um knapp 5 Prozent zu (Landesschnitt: +4,6 %, Bundesschnitt: +3,7 %). Das bedeutet: Vor Ort wächst das tatsächlich zur Verfügung stehende Geld messbar schneller als im Rest der Republik. Die Kehrseite der Medaille: Beim absoluten Primäreinkommen (vor staatlichen Ausgleichsleistungen und Renten) bleibt MSH mit rund 23.265 Euro pro Kopf landesweit noch am unteren Ende. Der Aufholprozess ist also real, das Startniveau bleibt jedoch fordernd.
  • Die Wanderungsbilanz:
    Der Landkreis verweist auf ein Plus von rund 3.600 Menschen über die letzten fünf Jahre. Hier ist die statistische Einordnung für die Leser entscheidend: Ein Zuzugsüberschuss beschreibt lediglich, dass in Summe mehr Menschen in den Landkreis gemeldet wurden, als ihn verlassen haben.
    Dieser Saldo speist sich aus verschiedenen Quellen: Zuzüge aus Großstädten ins bezahlbare Umland, regionale Rückkehrer, aber auch Zuweisungen und Arbeitsmigration. Entscheidend für die reale Einwohnerzahl ist jedoch das Gesamtsaldo: Da die Sterbefälle in einer der bundesweit ältesten Bevölkerungen die Zahl der Geburten nach wie vor deutlich übersteigen, fängt das Wanderungsplus diesen natürlichen Rückgang zwar spürbar ab, kehrt ihn aber noch nicht in ein absolutes Bevölkerungswachstum um.
  • Strukturwandel-Mittel:
    Hier hält der Landkreis den stärksten Hebel in der Hand. Schröder betont: „Wir wollen in unserer Region etwas erreichen und setzen gerade Investitionen auf Rekordniveau um (Strukturwandel/Sondervermögen). Zukunftsangst schadet dem Aufholprozess und demotiviert völlig unnötig.“ Durch den Kohleausstieg und die damit verbundenen Strukturfondsgelder fließt derzeit so viel Investitionskapital in die Sanierung von Schulen, Freizeitstätten und den Ausbau von Gewerbeflächen wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Diese Gelder tauchen in herkömmlichen Demografie-Rankings jedoch schlichtweg nicht auf, weil sie erst in den kommenden fünf bis zehn Jahren wirtschaftlich wirksam werden.

Wer Mansfeld-Südharz ausschließlich an den Folgen der 1990er-Jahre-Abwanderung und dem heutigen Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge misst, greift schlicht zu kurz. Das Kreishaus hat recht, wenn es gegen pauschale Schreibtischurteile protestiert. Genauso ehrlich muss aber bleiben: Der Aufholprozess ist voll im Gang, aber bis er sich in den bundesweiten Tabellenkellern auflöst, wird es allerdings noch einen langen Atem brauchen.