Melken, bevor die Kuh im Stall steht: Wie Deutschland seine KI-Zukunft bereits verspielt hat
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Ein Leitartikel von Mythosphere
Es ist ein Reflex wie aus dem finanzpolitischen Lehrbuch des 20. Jahrhunderts: Kaum kündigt sich eine technologische Disruption an, die Produktivität, Arbeitsmethoden und Softwarearchitekturen von Grund auf umkrempelt, fragt die deutsche Politik nicht, wie man an die Weltspitze gelangt, sondern welches Steuersäckel man darunterhalten kann.
Dass Bundesdigitalminister Wildberger und Bundesfinanzminister Klingbeil eine Sondersteuer auf KI-Umsätze überhaupt laut ins Spiel brachten, ist kein harmloser Denkanstoß. Es ist eine ordnungspolitische Bankrotterklärung. Zwar wurde eilig zurückgerudert, abgewiegelt und beteuert, es gebe noch keinen Gesetzesentwurf. Doch der Schaden ist längst real. In der globalen Digitalwirtschaft zählt nicht die nachträgliche Schadensbegrenzung vor der Bundespressekonferenz. Es zählt das Mindset, das dabei sichtbar wurde.
Die Botschaft, die bei Gründern, Entwicklern und internationalen Investoren angekommen ist, schlägt wie ein Warnsignal ein: Wer in Deutschland versucht, KI-gestützte Geschäftsmodelle zu bauen oder Betriebe durch Algorithmen zukunftsfähig zu machen, wird vom Staat nicht als Innovator gesehen, sondern als potenzieller Ausgleichstopf für die Renten- und Sozialkassen.
Subventionieren statt kassieren: Wie die Welt an uns vorbeizieht
Man stelle sich die Absurdität im globalen Maßstab vor: Paris lockt Entwickler mit Steuergutschriften und Sozialabgabenbefreiung für junge F&E-Schmieden. London stützt seine Start-up-Szene mit weitreichenden Investorenanreizen. In den USA investieren Tech-Giganten dreistellige Milliardenbeträge in Infrastruktur und Compute. Und in Berlin sinniert man öffentlich über eine Strafsteuer auf den Produktivitätsfortschritt. Man möchte die Ernte einfahren und besteuern, während man dem Bauern gerade noch das Saatgut rationiert.
Das fatale Moment dieser Debatte liegt in ihrer Nachhaltigkeit. Investitionskapital ist scheu wie ein Reh und mobil wie nie zuvor. Eine Software-Firma, eine KI-Holding oder ein IP-Portfolio sind nicht an Fabrikhallen oder Bergbauminen gebunden. Sie entstehen dort, wo Planungssicherheit und Offenheit herrschen. Das Signal aus Berlin lautet dagegen: „Sobald ihr Erfolg habt, greifen wir zu.“
Die stille Abwanderung: Gründung per Mausklick im Ausland
Niemand muss ein Start-up mit lautem Protest schließen. Die eigentliche Tragödie ist die stille Abwanderung: Der nächste deutsche KI-Entwickler gründet seine Gesellschaft gar nicht erst in Leipzig, München oder Berlin, sondern direkt in Zug, London oder Delaware. Das deutsche Unternehmertum erfährt so keine Transformation, sondern eine schleichende Entkernung.
Dass KI die Arbeitswelt massiv umwälzen wird, ist unbestritten. Doch die Antwort auf den Wandel kann niemals darin bestehen, den Motor abzuschalten, weil er zu schnell fährt. Wohlstand und funktionierende Sozialsysteme entstehen nicht durch das Ausbremsen von Technologie, sondern durch deren Beherrschung. Indem die Politik schon in der Geburtsstunde einer neuen Leitindustrie die fiskalische Schlinge präsentiert, erstickt sie das Pflänzchen, bevor es Wurzeln schlagen kann.
Deutschland hat bei KI nicht wegen mangelnder Köpfe oder fehlender Ideen den Anschluss verloren, sondern weil die Politik es schafft, Zukunftschancen noch in der Debattenphase kaputtzuregieren.
