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Zwischen Vollkasko-Mentalität und Scherbenhaufen: Warum Hettstedts Dreck- und Zerstörungsproblem kein Versagen des Rathauses ist

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Hettstedt – Montagmorgen in der Kupferstadt. Wer über den Markt geht, am Busbahnhof auf die Linie wartet oder einen Spaziergang durch den Stadtpark macht, blickt regelmäßig auf dasselbe traurige Panorama: zerkratzte und beschmierte Mauern, Scherben zerschlagener Flaschen, achtlos hingeworfene Fast-Food-Verpackungen und Kippenberge im Pflaster. Noch bitterer wird der Anblick auf manchen Spielplätzen: abgerissene Schaukeln, angekokelte Klettergerüste und Schmierereien an Rutschen, wo eigentlich die Kleinsten unbeschwert toben sollten. Der Schuldige ist in den Kommentarspalten schnell ausgemacht: „Die Stadt tut ja nichts!“, „Der Bauhof pennt!“ oder „Hier stehen einfach keine Mülleimer!“ Doch wer ehrlich ist und den Finger nicht nur zur Anklage hebt, sondern in die eigene Wunde legt, muss feststellen: Hettstedt hat kein Mülleimer- oder Verwaltungsproblem. Hettstedt hat ein massives Anstands-, Respekt- und Zerstörungsproblem.

Der Spielplatz als Ventil: Blinde Zerstörungswut trifft die Schwächsten

Ein besonders trauriges Kapitel in diesem Trauerspiel sind unsere Spiel- und Bolzplätze. Wenn Spielgeräte mutwillig zerstört, Holzstege zertreten oder Rutschen mit Edding und Sprühfarbe versaut werden, greift man sich fassungslos an den Kopf. Denn das passiert nicht zufällig; es geschieht mit voller Absicht.

Wer tut so etwas? Auch hier greift der bequeme Reflex zu kurz, blind mit dem Finger nur auf Jugendliche zu zeigen. Die Realität ist facettenreicher und bitterer:

  • Blinde Zerstörungswut: Manche lassen schlicht ihre Frustration oder Langeweile an wehrlosen Holz- und Metallgeräten aus.
  • Der genervte Nachbar: Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich manch Erwachsener an Kinderlachen und lebendigen Spielplätzen stört und manche Zeitgenossen ihre Missgunst offenbar darin ausdrücken, den Raum für Kinder unbrauchbar oder unattraktiv zu machen.
  • Gleichgültigkeit der Zeugen: Zerstörung geschieht selten im völlig luftleeren Raum. Doch allzu oft wird weggeschaut, wenn gekritzelt, getreten oder randaliert wird.

Das Bittere daran: Am Ende trifft es immer die Kinder unserer Stadt. Und wenn ein Spielgerät aus Sicherheitsgründen gesperrt oder abgebaut werden muss, heißt es auf Social Media prompt wieder: „Die Stadt nimmt den Kindern alles weg.“ Nein, nicht die Stadt hat die Schaukel demoliert, sondern ein Mitbürger aus unserer Mitte.

Der Mythos von der „Mülleimer-Pflicht“

Hand in Hand mit dem Vandalismus geht die tägliche Vermüllung. Viele leben in dem bequemen Glauben, die Stadtverwaltung sei gesetzlich dazu verpflichtet, an jeder Parkbank und an jedem Gehwegmeter einen städtischen Mülleimer aufzustellen.

Die juristische Realität ist simpel: Es gibt weder im Bundes- noch im Landesrecht irgendeine Vorschrift, die eine Kommune zwingt, öffentliche Abfallbehälter vorzuhalten.

Was die Stadt Hettstedt im Rahmen der Straßenreinigungspflicht leistet, dient der allgemeinen Sicherheit und Sauberkeit. Papierkörbe im öffentlichen Raum sind eine reine, freiwillige Serviceleistung und finanziert von Steuergeldern der Allgemeinheit.

Rechtlich gilt in Deutschland ein glasklares Prinzip: das Verursacherprinzip. Wer einen Snack kauft, eine Schachtel Zigaretten aufreißt oder eine Flasche Limonade in den Park trägt, ist und bleibt Eigentümer dieses Mülls. Das Gesetz kennt hier keine faulen Ausreden:

  • Steht da kein Eimer? Mitnehmen.
  • Ist der Eimer voll? Nicht oben draufstapeln oder danebenwerfen, sondern mitnehmen.

Das achtlose Fallenlassen ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine illegale Müllentsorgung und eine Ordnungswidrigkeit, die schlichtweg Bequemlichkeit und mangelnden Respekt dokumentiert.

Das Märchen von der „bösen Jugend“

Wenn montags die Mauern im Stadtpark wieder mit sinnlosen Tags beschmiert sind und der Müll von Wochenend-Treffen im Gras liegt, verfällt man reflexartig in Scheuklappen-Denken: „Die Jugend von heute hat keinen Anstand mehr.“

Das ist nur die halbe Wahrheit und dient allzu oft als Alibi für alle anderen Generationen.

Schauen wir uns doch ehrlich um:

  • Wer schnippt denn am Busbahnhof oder vor den Geschäften am Markt im Vorbeigehen die Zigarettenkippe auf das Pflaster? Zu einem riesigen Teil erwachsene Frauen und Männer.
  • Wer stopft nachts seinen privaten Restmüll, Renovierungsabfälle oder gelbe Säcke in oder neben die wenigen öffentlichen Behälter, um Entsorgungsgebühren zu sparen? Sicher keine 15-Jährigen nach der Schule.
  • Wer lässt beim Einladen des Einkaufs die Bäckertüte oder den Kassenbon einfach auf den Parkplatz wehen?

Achtlosigkeit, Zerstörungswut und Bequemlichkeit sind keine Frage des Geburtsjahrgangs. Sie ziehen sich quer durch alle Altersschichten unserer Stadt.

Der Bauhof ist kein All-inclusive-Zimmermädchen

Viele scheinen zu glauben, mit der Zahlung ihrer Steuern ein Rundum-Sorglos-Ticket für fehlende Kinderstube erworben zu haben. Die Stadt wird wie ein Hotel betrachtet, in dem der Bauhof das Reinigungspersonal stellt, das den Gästen gefälligst den Dreck hinterherträgt und die mutwillig eingetretenen Türen repariert.

Die bittere Quittung für diese Vollkasko-Mentalität zahlen wir alle: Jede Stunde, die Mitarbeiter damit verbringen müssen, mutwillig zerschlagene Schnapsflaschen von Spielplätzen zu sammeln, Schmierereien von historischen Mauern im Stadtpark zu entfernen, demolierte Spielgeräte zu sichern oder Müllberge am Busbahnhof einzusammeln, fehlt an ganz anderer Stelle.

Wer sich darüber aufregt, dass das Unkraut an Gehwegen wuchert, der Grünschnitt in den Ortsteilen stockt oder Straßenausbesserungen auf sich warten lassen, sollte sich klarmachen: Diese Zeit und dieses Geld verbrennen wir täglich selbst, weil einige Bürger unfähig sind, ihren eigenen Dreck drei Meter weit zu tragen ,oder ihren Frust an der Allgemeinheit auslassen.

Mehr Behälter lösen das Problem nicht

Mehr Mülleimer würden das Problem im Übrigen nicht lösen, sondern oft nur verschlimmern. Wo ein Eimer steht, dauert es keine 24 Stunden, bis die ersten Hausmülltüten danebenliegen. Krähen und Wind verteilen den Unrat, Vandalen nutzen die Tonnen für Böller-Experimente oder treten sie aus reiner Zerstörungslust von den Sockeln.

Ein Blick über den Tellerrand zeigt, wie es anders geht: In Wandergebieten, Nationalparks oder in Ländern wie Japan gibt es im öffentlichen Raum so gut wie keine Mülleimer und die Straßen und Parks sind blitzsauber. Warum? Weil dort ein eherner Grundsatz gilt, den wir offenbar verlernt haben: Was voll den Weg in die Tasche gefunden hat, wiegt leer nur noch einen Bruchteil und kann problemlos wieder mit nach Hause genommen werden.

Wer ein schönes Hettstedt will, muss bei sich selbst anfangen

Wenn demnächst im Norden der neue Quartierspark Gestalt annimmt, wenn der Markt einladend sein soll und der Stadtpark sowie unsere Spielplätze Orte der Erholung und Freude bleiben sollen, dann entscheidet darüber nicht das Ordnungsamt, kein Bürgermeister und kein Beschluss im Stadtrat.

Darüber entscheiden einzig und allein wir selbst.

Es reicht nicht, sich auf Facebook, oder Instagram lautstark über den Verfall zu empören, während man die eigene Kippe im Rinnstein versenkt, seinen Hausmüll im Park entsorgt oder wegschaut, wenn nebenan Spielgeräte demoliert werden. Eine saubere, lebenswerte und intakte Stadt beginnt nicht im Rathaus; sie beginnt im Kopf, vor der eigenen Haustür und im gegenseitigen Respekt.