Eklat auf dem Hockenheimring: Wenn das „unpolitische“ Festival plötzlich zum Alphaville-Festival wird

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Das sollte es also sein: Ein Wochenende voller unbeschwerter Party, „Good vibes only“ und bloß keine Politik auf der Bühne. So zumindest der Plan der Macher des Glücksgefühle Festivals rund um Veranstalter Markus Krampe. Doch die Rechnung hatten sie ohne die Künstlerinnen und Künstler, und vor allem ohne das Publikum, gemacht.

Was als kontrollierter Frohsinn gedacht war, entwickelte sich am Wochenende am Hockenheimring zu einem beispiellosen Manifest für Meinungs-, Kunst- und Redefreiheit. Ausgerechnet die Band, die gar nicht auf der Bühne stand, wurde zum heimlichen Headliner des gesamten Events: Alphaville.

Der Maulkorb-Eklat im Vorfeld

Die Vorgeschichte liest sich wie ein Lehrstück in Sachen PR-Desaster. Im Vorfeld hatten die Veranstalter die Kultband Alphaville („Forever Young“) ausgeladen. Der Grund: Man wollte keine politischen Äußerungen von der Bühne. Alphaville-Sänger Marian Gold hatte sich bei früheren Konzerten immer wieder klar gegen Rechtsradikalismus und für Demokratie, Toleranz und Vielfalt positioniert.

Nach einem gewaltigen Aufschrei ruderten die Veranstalter zwar zurück, entschuldigten sich und luden die Band wieder ein, doch Alphaville lehnte dankend ab. Ein Auftritt unter solchen Vorzeichen komme nicht infrage, hieß es. Die Gage, so das Versprechen der Band, werde stattdessen gespendet.

Der Bumerang-Effekt: „Forever Young“ auf Dauerloop

Wer glaubte, damit sei das Thema vom Tisch und die Festivalbühne strikt „unpolitisch“ gehalten, erlebte am Wochenende eine ziemliche Überraschung. Statt Stille schallte die Botschaft von Alphaville durch das gesamte Areal, getragen von etlichen anderen Acts.

Ob Ski Aggu, Culcha Candela, Nura, Max Giesinger, Ely Oaks und sogar David Guetta, ein Act nach dem anderen stimmte demonstrativ den Alphaville-Klassiker „Forever Young“ an oder nutzte die eigene Bedenkzeit für deutliche Statements.

Ski-Aggu-Shows stehen für demokratische Werte, erst recht auf dem Glücksgefühle Festival“, war groß auf den Videowänden zu lesen.
Rapper Ski Aggu stellte vor tausenden Fans klar, dass es absolut selbstverständlich sei, für Demokratie und Meinungsfreiheit einzustehen. Auch Kollegin Nura und etliche weitere Künstler machten aus ihrer Haltung keinen Hehl und nutzten das Mikrofon für klare Kante.

Der 80er-Jahre-Hit „Forever Young“ wurde kurzerhand zur inoffiziellen, überstrahlenden Hymne des gesamten Wochenendes erklärt.

Die Haltung lässt sich nicht per Verordnung streichen

Am Ende zeigt dieses Wochenende vor allem eines: Haltung und Kultur lassen sich im Jahr 2026 nicht per Veranstalter-Dekret an der Eingangskontrolle abgeben. Der Versuch, ein XXL-Popfestival künstlich in eine sterile, vollkommen entpolitisierte Blase zu verwandeln, schlug mit Ansage fehl und kehrte sich ins genaue Gegenteil um.

Marian Gold bedankte sich in den sozialen Medien für die „unfassbare Welle der Solidarität“. Das Publikum und die ausführenden Künstler hätten das Festival in die eigenen Hände genommen und gezeigt, dass echte Glücksgefühle das Ergebnis einer inneren Haltung sind und nicht das Resultat einer Anweisung von oben.

Damit dürften die Macher des Festivals wohl kaum gerechnet haben. Doch die Botschaft vom Hockenheimring ist unmissverständlich: Popkultur war, ist und bleibt politisch und erst recht, wenn man versucht, ihr den Mund zu verbieten.