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Lasst uns beten: Sie haben nichts daraus gelernt – Wie verpokertes Gas und Berliner Wegschauen den Bürgern teuer zu stehen kommen könnte

Berlin / Kassel. Man muss sich diesen Sommer noch einmal vor Augen führen: Die Rohstoffmärkte waren entspannt, Erdgas war an den europäischen Großhandelsplätzen zeitweise vergleichsweise günstig zu haben, und die Lehren aus der dramatischen Energiekrise von 2022 schienen allen Verantwortlichen noch tief in den Knochen zu stecken. Nie wieder unvorbereitet in die Heizperiode schlittern, nie wieder erpressbar sein, nie wieder das Schicksal von Millionen Haushalten und der Industrie dem reinen Zufall überlassen, so lautete das parteiübergreifende Versprechen der Berliner Politik.

Doch kurz vor dem Start des Winters 2026 zeigt der Blick auf die Füllstandsanzeigen der deutschen Gasspeicher die ernüchternde Realität: Sie haben nichts daraus gelernt.

Mit einem Gesamtfüllstand von gerade einmal rund 61,6 Prozent gehen die deutschen Erdgaskavernen in die kälteste Jahreszeit. Zum Vergleich: In den Vorjahren lag der Wert um diese Zeit regelmäßig bei über 75, teils bei weit über 95 Prozent. Das ohnehin schon handzahm nach unten korrigierte politische Mindestziel von 70 Prozent wurde krachend verfehlt. Was bleibt, ist ein Déjà-vu der bittersten Sorte. Deutschland steht vor den Wintermonaten mit halbleeren Speichern da, weil sich private Händler an den Börsen schlicht verzockt haben und die Bundesregierung tatenlos dabei zusah. Am Ende bleibt den Verbrauchern nun wieder einmal nur ein Stoßgebet zum Himmel für milde Temperaturen. Denn wird der Winter knackig kalt, wird die nächste Heizkostenabrechnung zum finanziellen Desaster.

Der Zock am Terminmarkt: Wenn Spekulation vor Versorgungssicherheit geht

Um zu verstehen, warum die riesigen unterirdischen Speicher in Rehden, Gronau oder Bierwang so gähnend leer geblieben sind, muss man dorthin schauen, wo über Milliarden Kubikmeter Gas entschieden wird: an die Handelsplätze. Entgegen landläufiger Meinung füllt nicht der Staat die Speicher auf. Mehr als 80 Prozent der Kapazitäten liegen in den Händen privater Händler, Versorger und multinationaler Energiekonzerne. Sie handeln nach einer simplen Maxime: Gewinnmaximierung.

Im Frühjahr und Frühsommer lag der Gaspreis am Spotmarkt bei rund 35 bis 48 Euro pro Megawattstunde. Eine solide Basis, um sukzessive und planbar ein Polster anzulegen. Doch die Händler winkten ab. Der Grund: Der sogenannte „Summer-Winter-Spread“, die Preisdifferenz zwischen dem sofortigen Einkauf im Sommer und dem späteren Wiederverkauf für den Winter, war kaum vorhanden oder nach Abzug der Speicherkosten sogar negativ. Man hätte beim Einlagern draufzahlen müssen.

Also machten die Einkäufer das, was Spekulanten tun: Sie warteten ab. Sie wetteten eiskalt darauf, dass das Gas im Spätsommer noch billiger werden würde. Ein hochriskantes Pokerspiel mit der Versorgungssicherheit eines ganzen Landes.

Die Wette platzte spektakulär. Statt weiter zu fallen, drehte der Weltmarkt im Spätsommer schlagartig nach oben. Geopolitische Spannungen im Nahen Osten, Drohungen um Seewege und Engpässe im weltweiten Tankerverkehr für Flüssigerdgas (LNG) trieben die Notierungen in ungeahnte Höhen. Wer jetzt noch Gas haben wollte, zahlte plötzlich nicht mehr 40, sondern 75, 85 oder zeitweise über 95 Euro pro Megawattstunde. Der Markt hatte die Zocker abgestraft, doch die Rechnung dafür zahlen nicht die Trader in ihren klimatisierten Büros.

Blindes Vertrauen und gelockerte Regeln: Das Berliner Politikversagen

Dass private Akteure an der Börse versuchen, Margen zu optimieren, mag dem Wesen des Kapitalismus entsprechen. Dass aber die politische Führung in Berlin diese Wette sehenden Auges duldete und die Zügel schleifen ließ, ist der eigentliche Skandal.

Nach den Schockwellen des Jahres 2022 hatte die Politik noch strenge Füllstandsvorgaben ins Gesetz gemeißelt. Doch mit dem Abflauen der akuten Krise kehrte in den Berliner Ministerien eine bequeme Lethargie ein. Man vertraute blind darauf, dass die neu hochgezogenen LNG-Terminals und der insgesamt leicht gesunkene Verbrauch schon jedes Problem wegpuffern würden. Mehr noch: Die gesetzlichen Daumenschrauben wurden gelockert. Das ohnehin herabgesetzte Gesamtziel von 70 Prozent schrumpfte für sechs strategisch wichtige Großspeicher sogar auf eine Zielmarke von gerade einmal 45 Prozent zusammen.

An die Händler sendete das die denkbar schlechteste Botschaft: Macht euch keinen Stress, die Politik schaut weg.

Schon im Juni und Juli schlugen Verbände wie die Initiative Energien Speichern (INES) und die Bundesnetzagentur Alarm, dass die täglichen Einspeicherraten historisch hinterherhinkten. Doch im Bundeswirtschaftsministerium und im Kanzleramt verharrte man in stoischer Ruhe und verwies schulterzuckend auf die Zuständigkeit der freien Marktkräfte.

Erst als das Kind im September längst in den Brunnen gefallen war und der Winter vor der Tür stand, brach in den Regierungsfluren die Panik aus. Hektisch drängte die Bundesregierung zum Nachkaufen, staatlich kontrollierte Akteure wie Sefe wurden in den Markt geschickt, mit verheerenden Folgen. Denn als der größte Abnehmer Europas plötzlich im Eiltempo Milliarden Kubikmeter Gas ordern musste, explodierten die Börsenpreise erst recht. Selbst europäische Partner wie Italien gingen auf die Barrikaden und warfen Berlin unverhohlen vor, den gesamten Kontinent durch späte Panikkäufe in eine neue Preisrallye zu treiben.

Die Zeche zahlt der Bürger: Doppelte Kostenfalle

Dass der Bund die formale Gasspeicherumlage zum Jahreswechsel abgeschafft hat, ist dabei kaum mehr als ein politischer Taschenspielertrick. Denn die Zeche verschwindet nicht, sie landet nur über andere Kanäle direkt beim Verbraucher:

  1. Der Kostenschock über den Arbeitspreis:
    Die Stadtwerke und Grundversorger müssen die drastisch verteuerten Späteinkäufe nun in ihre Mischkalkulation einpreisen. Wer in den kommenden Monaten einen neuen Gastarif abschließen muss oder wessen Festpreisbindung ausläuft, wird nicht mit den im Sommer möglichen 8 bis 9 Cent pro Kilowattstunde bedient, sondern sieht sich Preisen von 11 bis 13 Cent gegenüber. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeutet diese Beschaffungsfehleinschätzung ein sattes Minus von 300 bis 500 Euro im Jahr.
  2. Die Zeche über das Steueraufkommen:
    Wenn der Staat nun einspringt, um Reservemechanismen und Altdefizite der Marktstabilisierung über Sondervermögen oder den Bundeshaushalt auszugleichen, wird die Rechnung lediglich von der Gasabrechnung auf den Steuerbescheid umgebucht. Bezahlen muss es am Ende derselbe Bürger.

Das Prinzip Hoffnung: Eine Wette aufs Wetter

Wie kalt der kommende Winter wird, steht in den Sternen. Doch genau das ist die eigentliche Bankrotterklärung der deutschen Energiepolitik kurz vor Beginn der Heizperiode: Man hat sich vom vorausschauenden Krisenmanagement verabschiedet und ist zum Prinzip Hoffnung zurückgekehrt.

Das Gas, das nun in den Kavernen liegt, ist bereits schweine-teuer eingekauft worden und dieser finanzielle Schaden steht heute schon unumstößlich fest. Bleibt der Winter mild, verhindert das lediglich das Schlimmste. Rollt jedoch eine anhaltende Kältewelle über das Land, schmilzt das mickrige Polster von gut 61 Prozent im Eiltempo ab. Dann drohen mitten im tiefsten Frost weitere Nachkäufe zu astronomischen Spitzenpreisen am Spotmarkt.

Versorgungssicherheit und Daseinsvorsorge sind eine hoheitliche Kernaufgabe und kein Spielball für kurzsichtige Zocker oder eine wegschauende Regierung. Dass Millionen Haushalte nun mit bangem Blick auf die Wetterkarte hoffen müssen, dass das Thermometer nicht abstürzt, ist das bittere Ergebnis eines Sommers, in dem Berlin schlichtweg geschlafen hat.