In der Bildungsdebatte fallen meist Begriffe wie „Lehrermangel“ oder „Digitalstau“. Der bekannte Soziologe Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani geht jedoch einen Schritt weiter: Er bezeichnet unser gegliedertes Schulsystem als ineffiziente Geldverschwendung. Was steckt hinter seinen Thesen und was würde ein radikaler Umbau für die Schulen und Lehrkräfte in Hettstedt bedeuten?
HETTSTEDT. Wenn Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani über das deutsche Schulsystem spricht, spart er nicht mit scharfer Kritik. Seine zentrale These: Das System ist veraltet, weil es auf einer Gesellschaftsstruktur fußt, die es so nicht mehr gibt. Während Hettstedt mit dem Humboldt-Gymnasium und der Ganztagssekundarschule „Anne Frank“ zwei klare Säulen hat, stellt der Experte genau diese Trennung fundamental infrage.
Die Thesen: Warum das System „Geld verschwendet“
Der Professor begründet sein hartes Urteil mit zentralen Problemfeldern, die das aktuelle Modell teuer und ineffektiv machen. Er bringt es gewohnt direkt auf den Punkt:
„Wir haben ein System, das darauf ausgerichtet ist, Kinder so früh wie möglich zu sortieren, statt sie so individuell wie möglich zu fördern. Das ist ökonomisch und sozial eine Sackgasse.“
Die „Illusion der Begabung“: El-Mafaalani argumentiert, dass die Aufteilung nach der 4. Klasse primär die Herkunft der Kinder sortiert. Da das System enorme Summen in die Verwaltung dieser Trennung steckt, statt in die Förderung, werde Potenzial massiv verschwendet.
Fehlende Ganztagsqualität: Er kritisiert, dass Schulen oft nur „Verwahranstalten“ am Nachmittag seien. Wirkliche Bildungsgerechtigkeit entstehe nur, wenn Schule zum Lebensort wird.
Der wirtschaftliche Preis: Die Kosten des Scheiterns
Ein zentraler Punkt in El-Mafaalanis Argumentation ist die rein ökonomische Sicht. Bildungsungleichheit ist ein massiver Kostenfaktor für den Steuerzahler:
Folgekosten pro Schulabbrecher: Jedes Kind ohne Abschluss kostet die Gesellschaft im Laufe eines Lebens schätzungsweise zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Euro.
Fachkräftemangel: In Regionen wie Mansfeld-Südharz suchen Betriebe händeringend Nachwuchs. Das Aussortieren nach der 4. Klasse führt dazu, dass viele „Spätzünder“ entmutigt werden und später als qualifizierte Fachkräfte fehlen.
Brennpunkt Lehrerzimmer: Überlastung durch Strukturfehler
Für die Lehrkräfte in Hettstedt hätte eine Reform tiefgreifende Konsequenzen. El-Mafaalani sieht den aktuellen Lehrermangel nicht nur als Personalproblem, sondern als Folge eines völlig veralteten Arbeitsmodells:
„Der Lehrerberuf in seiner heutigen Form ist ein Burnout-Beschleuniger. Wir verlangen von Pädagogen, gleichzeitig Wissensvermittler, Sozialarbeiter, Psychologen und IT-Experten zu sein – das kann in einem isolierten Klassenzimmer nicht funktionieren.“
Um die Lehrkräfte zu entlasten, fordert er multiprofessionelle Teams aus Sozialpädagogen und Psychologen, die fest zum Team der Hettstedter Schulen gehören müssten.
Konsequenzen für die Hettstedter Schullandschaft
Nach der Schließung der Sekundarschule „Am Markt“ hat Hettstedt bereits einen Konzentrationsprozess hinter sich. Eine Umsetzung der Professoren-Thesen würde bedeuten:
Längeres gemeinsames Lernen: Die Trennung zwischen Gymnasium und Sekundarschule nach Klasse 4 würde aufgehoben, um den Selektionsdruck von Kindern und Lehrern zu nehmen.
Schule als Stadtteilzentrum: Das Humboldt-Gymnasium und die „Anne Frank“-Schule müssten sich noch stärker öffnen und zu echten Lebensräumen werden, die bis in den späten Nachmittag hinein hochwertige Angebote machen.
Fazit: Strukturreform statt Symptombekämpfung
Für El-Mafaalani ist der Lehrermangel nur ein Symptom. In einer alternden Gesellschaft könne es sich Deutschland nicht leisten, Talente durch veraltetes Aussortieren zu vergeuden. In Hettstedt würde dies bedeuten, Schule völlig neu zu denken: Weg vom reinen „Unterrichtsort“ hin zu einem Bildungszentrum, das die soziale Herkunft der Kinder erfolgreich ausgleicht und die Lehrkräfte durch moderne Teamstrukturen vor dem Kollaps bewahrt.



